von Dörte Brilling

Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, dass ich immer noch ein Abo des Spiegels habe. Bei Ausgaben wie #Frauenland finde ich das okay. Und es gibt noch andere Momente: Neulich zum Beispiel, da lag das sogenannte s-Magazin dabei, ein überformatiges Etwas über Stil, Trends und das Ende der Menschheit.

Das wurde – quasi nebensatzmäßig – ausgerechnet! von meiner Lieblingstrendforscherin Lidewij Edelkoort ausgerufen. Das ist die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Davor wird es noch einmal richtig gemütlich. Denn die 68-jährige Koryphäe trifft ihre Trendaussagen nicht für das nächste Jahr oder etwa für die kommende Saison (ihr erinnert euch? Das Gelb vom letzten Jahr …), alles „Blödsinn“, so Edelkoort, „Trends entwickeln sich unglaublich langsam“ und wenn sie mal da sind, „bleiben sie uns sehr lange erhalten“.

Für alle Hobbyschneiderinnen, Selbernäherinnen, Schnittmusterliebhaberinnen hier ein paar nennenswerte Punkte aus einem Interview mit L.E.*, die uns zeigen, dass wir richtig weit vorne liegen, quasi TrendsetterInnen sind bzw. TrenderfüllungsgehilfInnen:

1. Die Technisierung des Lebens und unseres Alltags lässt uns nach Geborgenheit sehnen. Wir verbringen wieder mehr Zeit zu Hause und kapieren, dass man Karriere auch woanders als im Büro machen kann. Dieser Entwicklung trägt die Mode Rechnung, indem sie den sogenannten Homeoffice-Lifestyle bedient, der sehr bequem ist und aus hochwertigen, hautfreundlichen Materialien besteht.

(Ich erinnere mich, wie mich eine Freundin vor ein paar Jahren schon fragte, ob ich nicht mal einen Schnitt machen könnte, für bequeme Kleidung, aber doch irgendwie so, dass man sich damit gut angezogen fühlt und auch, wenn man zu Hause arbeitet, ohne schlechtes Gewissen dem Postboten die Tür öffnen kann. Ja, meine Freundin E. ist quasi das Paradebeispiel für dieses Bedürfnis.)

2. Das Thema Freizeit wird mehr zelebriert. Dieser Podest-Status sorgt ebenfallls für ein modisches Diktat in Richtung Anti-Business bzw. Anti-Steifheit, deren konsequente Stilausprägungen ohnehin immer seltener werden. Man geht in Jogginghosen, zur Not aus Cashmere ;), zur Arbeit und trägt dazu Hoodie und NMDs. Hauptsache leger!

3. Überall auf der Welt beobachten wir, wie die Menschen sich aus den unterschiedlichsten Gründen (man liest nahezu täglich von schweren Mißbrauchsvorwürfen gegenüber Kindern und jugendlichen Heranwachsenden durch kirchliche Würdenträger) von den Religionen abwenden. Die Mode wird diese Leerstelle versuchen aufzufangen, indem sie sich, laut L.E., sehr vieler ihrer Ausdrucksformen bedient. „Umschließende Umhänge und schwebende Roben, gewickelte Mäntel, Tuniken, lange Strickwaren und Jerseys werden eine neue, verlängerte Silhouette hervorbringen. Dazu kommen Accessoires wie Rosenkränze, folkloristische Bänder und Anleihen aus anderen sprirituellen Richtungen wie Taoismus oder Voodoo.“

(Es ist kaum vorstellbar, dass das, was früher für das Kapuzenshirt galt, in zehn, zwanzig Jahren für das Priestergewand gelten soll, aber all das ist sehr aufregend! Für die Schnittmustermacher von Patterny natürlich auch ein Auftrag, damit ein bisschen rumzuexperimentieren. Übrigens: In meiner Küche hängt bereits ein selbst gebastelter Mini-Altar.))

4. Warme Erdtöne! Sowohl in der Mode aus auch in der Inneneinrichtung.

(Witzig: In meinem Schlafzimmer schaut man vom Bett aus auf einen Dschungel auf Tapete. Und der dichte Wald soll nun bald auch an der Wohnzimmerwand wachsen. Das lebendsfeindliche, technisierte Außen hat als Korrelat das lebensbejahende, lebendige Innere.)

5. Der Mensch will sich in Zukunft verbundener fühlen. Mit seiner Umwelt und den Menschen, die ihn umgeben. Diese Verbundenheit (= Persönlichkeit + Kreativität) soll einfließen in jedes Produkt. „Es wird Schilder in Kleidungsstücken geben, auf denen steht: ‚Gefertigt von einem Menschen‚. Denn Ware von einem Roboter kann jeder haben.“

*Quelle: Die Zitate, allesamt von L. Edelkoort, stammen aus einem Interview mit dem Titel: „Das Flirten stirbt auf jeden Fall aus“, das Anne Backhaus für den Spiegel führte. Ihr solltet unbedingt versuchen, an diese Ausgabe zu kommen, hier kann man sie beziehen: Ausgabe 41/2018

 

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